Internationaler Frauentag 2017: Nichts ändert sich

#internationalwomensday

Wer den heutigen Tag bisher großteils vor dem Notebook verbracht hat, musste – wie jedes Jahr – schon einiges über sich ergehen lassen. Grafiken, Fotos, Artikel und Features zum Internationalen Frauentag. Und das, wohin das digitale Auge reicht. “Ist doch großartig”, meint W. “Nicht unbedingt”, antworte ich. Je mehr Beiträge ich lese, desto schlechter wird mir. Jedes Jahr dasselbe. Immer und immer wieder. Besonders die zahlreichen Social-Media-Beiträge und Artikel aus der Blogosphäre sorgen dafür, dass sich mir in gefühlten Minutenabständen unangenehm die Nackenhaare kräuseln. Da wird weit ausgeholt und erzählt, wie emanzipiert man nicht sei, welch wesentliche Rolle dieser wahnsinnig wichtige Tag in der eigenen Familie spiele und mit welchen Traditionen und Bräuchen man diesen nicht zelebriere.

Zwei Zeilen später liest man dann derlei Perlen: “Ich würde mich ja nicht als Feministin bezeichnen …”, “Also ich persönlich habe Feminismus ja noch nie als Kampf gegen irgendetwas betrachtet” oder “Ich bin doch keine Kampfemanze, für mich ist das doch alles sowieso total normal und selbstverständlich!”. Und das nicht selten von Frauen, von denen man diesbezüglich wirklich mehr erwartet hätte. Und das Schlimmste? Sie werden dafür auch noch beklatscht.

Alleinerziehend. Weiblich. Armutsgefährdet.

Was bitte ist für diese Frauen etwas ganz Normales? Dass Frauen im Allgemeinen immer noch weniger verdienen als Männer? Dass es immer noch nicht ausreichend Kinderbetreuungsplätze gibt? Dass Frauen immer noch die Wahl zwischen “guter Mutter” und “Karrierefrau” aufgedrängt wird oder, dass alleinerziehende Mütter auch heute noch als die armutsgefährdetste Bevölkerungsgruppe des Landes gelten?

Feminismus war, ist und wird immer ein Kampf bleiben. Nicht „gegen irgendwas“, wohl aber gegen Rollenklischees, Benachteiligung aufgrund des eigenen Geschlechts und aufgrund fehlenden Respekts in jeglicher Hinsicht. Es macht mich so wahnsinnig wütend, wie dieser Begriff ständig ohne jegliche Substanz kritisiert wird. Es kommt einem beinahe so vor, als wäre dieses abgeklärte Geplänkel zu einer Art Lifestyle avanciert. Dabei kommen diese inhaltsleeren Vorwürfe nicht selten aus den eigenen Reihen. Von Frauen, die andere Frauen mehr oder weniger elegant über einen Kamm scheren und ihnen unterschwellig vorwerfen, eigentlich selbst das Problem zu sein, schließlich würden sie Gleichberechtigung ja sonst ebenfalls als eine gottgegebene Selbstverständlichkeit betrachten und sich nicht künstlich aufregen. Alles easy-peasy und so.

Newsflash: Gleichberechtigung ist nicht selbstverständlich.

Auch heute nicht. Auch, wenn es vielleicht auf den ersten, oberflächlichen Blick so scheint. Ist diesen Frauen eigentlich klar, dass sie Menschen, die alle Frauen der Welt am liebsten adrett gekleidet und brav am Herd stehen hätten, mit ihren undurchdachten Aussagen geradewegs in die Hände spielen? Nur, um auf den vermeintlich toughen Hochglanzfotos, die all diese inhaltslosen Zeilen stylish untermalen sollen, immer noch authentisch “weiblich” und “sexy” zu wirken? Ist ihnen das nicht zumindest ein bisschen peinlich? Vor ihnen selbst? Vor anderen Frauen? Vor den vielen, sozial schwächer gestellten Frauen, die vielleicht auf eine starke Stimme hoffen und vor den Frauen, die jahrzehntelang für uns gekämpft haben? Die sich heimlich getroffen, debattiert, so viel eingesteckt und riskiert haben, um uns ein Recht auf eine freie Entscheidung zu ermöglichen? Damit wir wählen dürfen?!

Leute, das ist nicht der National Pancake Day, bei dem ihr eure halbherzig formulierten, unreflektierten Zeilen mal einfach so raushauen solltet, um euren Contentplan einzuhalten! Da geht’s tatsächlich um was! Um Lebensmodelle, Familienpolitik, Wertschätzung und Zukunft! Hört also bitte auf, diesen Anlass für eure fragwürdigen Zwecke zu prostituieren! Das ist nicht nur peinlich und unangemessen, es bremst uns aus! So sehr und in vielerlei Hinsicht!

Nichts ändert sich.

Cornelia Vospernik, Oe1-Radiomoderatorin und Redakteurin, hat sich heute Morgen mit der Autorin Christine Nöstlinger unterhalten, einer der bekanntesten Feministinnen unseres Landes. Seit über 20 Jahren, so Nöstlinger, höre sie jeden Frauentag dasselbe und nichts habe sich geändert. Auf die Frage der Moderatorin, woran das ihrer Meinung nach läge, meint Nöstlinger geradeaus: “Generationen junger Frauen sind nachgekommen, die sich um Feminismus nicht mehr geschert haben.” Frauen, denen es gut geht, die ihren Platz in der Gesellschaft gefunden haben. Die die Möglichkeit dazu hätten, sich zu rühren und auf die Barrikaden zu gehen. Von einer alleinerziehenden Supermarktkassiererin könne sich das schließlich niemand erwarten. Die habe bekanntermaßen andere Sorgen. Wie Recht sie doch hat und wie traurig all die unreflektierten Beiträge im Hinblick auf diese Tatsache doch machen.

“Frauen kommen genauso bei der Tür rein, nur mitm Lift fahrens net hoch“, fährt Nöstlinger fort. Männer besetzen zu einem Großteil die Positionen, die es überhaupt erst ermöglichen, Frauen den Weg nach oben zu öffnen, weshalb sie ihren Wunsch am Internationalen Frauentag 2017 an diese richtet und sie bittet, Frauen zu unterstützten. Sie sollen ihnen dabei helfen, aufzusteigen. Das wäre natürlich schön. Nur frage ich mich, was man von Männern eigentlich erwarten kann, wenn geltende Rollenklischees es sogar den Frauen selbst unmöglich zu machen scheinen, stolz ihre Rechte einzufordern und sich als Feministinnen zu bezeichnen, ohne dabei in ständiger Angst um ihre vermeintliche Weiblichkeit zu leben. Wenn nicht mal sie bereit sind, diesen Umstand zu erkennen und etwas zu verändern, wie soll sich dann in Zukunft etwas ändern? Gar nicht, fürchte ich.

Keine Kommentare

Schreib ein Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.